Arbeitsleben extrovertiert

Schon in der Schule zeichnet sich ab, dass der gemeinsame Austausch gewollt ist und belohnt wird. Während zurückhaltende Kinder dazu ermuntert werden, sich einfach mal öfter zu melden und was zum Thema zu sagen, werden möglicherweise noch unausgegorene Wortmeldungen extrovertierter Schülerinnen und Schüler belohnt. Grundsätzlich ist es sicher wichtig, Kinder darin zu bestärken, ihr Wissen zu teilen und sich trauen es zu äußern. Über den Trend, dass aber die schnellste Wortmeldung die beste ist, könnten wir noch einmal nachdenken. Denn dieses Phänomen zieht sich später auch durch unser gesamtes Arbeitsleben, weit über die Schulzeit hinaus.

 

Arbeiten ist extrovertiert

Unser Arbeitsleben ist sehr extrovertiert und nimmt hier sogar noch an Fahrt auf. Während es vor einigen Jahren noch völlig in Ordnung schien, dass jemand lieber alleine als im Team arbeiten möchte, thront die Teamfähigkeit als Must-have der beruflichen Skills nun über allen anderen. In einer Umfrage, die das Portal Statista erhob, gaben 46 % der Befragten an, Teamfähigkeit sei die Eigenschaft, nach denen Arbeitgeber in Lebensläufen am häufigsten suchen. Knapp dahinter lag mit 44 % die Kommunikationsfähigkeit. Besonders gut kommt es außerdem an, wenn Bewerber angeben, einen Mannschaftssport zu betreiben, oder in einem Verein aktiv zu sein. Solo-Hobbys wie das Lesen oder Gärtnern hingegen bekommen schnell einen faden Touch und einen gewissen Eigenbrötler-Charme.

 

Moderne Workflows hemmen Intro-Potenziale

Dass diese Eigenschaften im Job gewollt sind, zeigt sich auch an modernen Workflows in Unternehmen. Wir sitzen mehr und mehr in Großraumbüros, halten zunehmend oft Meetings ab, treffen uns zum gemeinsamen Brainstorming und erarbeiten in Gruppen Lösungen. All diese Dinge sind Angelegenheiten, die extrovertierten Menschen sehr entgegenkommen. Denn diese beflügeln sich gegenseitig und gewinnen im gemeinsamen Austausch Energie. Kaum etwas entspricht dem Wesen eines extrovertierten Menschen so sehr wie ein gemeinsames Brainstorming. Es ist auch gar nichts falsch an diesen Dingen – aber an ihrer Monopolstellung durchaus. Denn während wir mit unseren Arbeitsstrukturen das Potenzial von Extros hervorragend abholen, lassen wir einen riesengroßen Schatz einfach brachliegen: das Potenzial der Intros!

Tun sich extrovertierte Menschen hier leicht, kommen introvertierte Kollegen mit schnellen gemeinsamen Entscheidungsfindungen deutlich schlechter zurecht. Sie möchten über einen Gedanken erst gründlich nachdenken, brauchen Zeit für sich, um die Problemstellung zu beleuchten und mögliche Lösungswege abzuwägen. Im gemeinsamen Meeting ist dies kaum möglich. Aber bedeutet das gleichzeitig, dass ihre Lösung dann automatisch schlechter wäre, wenn sie eben nicht blitzschnell aus dem Ärmel geschüttelt wird? Mitnichten! Der Weg, um zu einer Lösung zu kommen, kann unterschiedlich sein, das Ergebnis aber durchaus gleichwertig oder sogar besser, weil eben durchdachter. Leider bremst unsere Arbeitswelt introvertierte Menschen hier aber völlig aus und ignoriert ihr Potenzial. Das ist letztlich nicht nur schade für leise Menschen, sondern auch nicht im Sinne des Unternehmenserfolges.

Introvertierte im Arbeitsleben
Introvertierte Menschen kommen auf die besten Ideen, wenn die anderen still sind.

 

Führungsrollen sind oft Extros vorbehalten

Wenn wir uns ein modernes Team einmal ansehen, gibt es hier verschiedene Typen. Auffällig ist, dass die mit Führungsrollen meist sehr extrovertierte Eigenschaften vorweisen. So gibt es den Kommunikator, der nach außen hin vertritt, wofür das Unternehmen steht. Es gibt den Netzwerker, der Kontakte aufbaut und sehr viel mit anderen Menschen kommuniziert. Es gibt den Koordinator, der Weichen für Kooperationen stellt. Alle drei sind zweifellos wichtig. Andere für die eigenen Angebote begeistern zu können, Kontakte aufzubauen und Kooperationen zu suchen – ja, das brauchen wir unbedingt! Aber brauchen wir nur das? Nein! Neben den klaren Anführern, die vor Energie sprühend vornedran stehen, haben noch andere Anteil am Gesamterfolg. Zum Beispiel der Spezialist, der als stiller Beobachter und Macher eher im Hintergrund bleibt. Dieser tut und bewirkt sehr viel, wird dafür aber leider selten gewürdigt, weil er es im Stillen tut und sich nicht so sehr zeigt, wie seine extrovertierten Kollegen. Wer nicht vornedran steht, merkt dies meist auch am Gehalt. Denn wer sich bereits im Vorstellungsgespräch – in aller Regel mündlich abgehalten – gut verkauft, bekommt am Ende auch mehr. Introvertierte Menschen, die sich nicht so gut selbst verkaufen können und möchten, haben hier oft das Nachsehen. Dabei verfügen Sie über enorme Stärken, die auch eine Führungskraft mehr als gut gebrauchen könnte. Doch auch wenn die Fähigkeiten gut sind, werden – wie es die Zeit salopp ausdrückt, „die mit der großen Klappe befördert.“ Weil sie lautstarker einfordern und im persönlichen Kontakt mitreißen – nicht, weil sie fachlich besser sind.

 

Mehr Intro-Vibes im Arbeitsleben, bitte!

Wie aber könnten wir nun faire Bedingungen schaffen, die sowohl Introvertierten als auch Extrovertierten Raum geben? Denn letztlich wäre es doch auch für jedes Unternehmen sinnvoll, wenn es das Potenzial aller Mitarbeiter_innen für sich nutzen könnte. Weg von extrovertierten Standards im Job zu gehen, wäre nüchtern betrachtet eine klassische Win-win-Situation. Niemand verliert etwas, viele gewinnen aber. Aber ist es überhaupt möglich, eine gemeinsame Arbeitsbasis mit echter Chancengleichheit zu etablieren? Wenn man möchte, sicherlich! Einige Beispiele könnten diese Ansätze sein:

 

Weniger Meetings, mehr Tun

Hast du manchmal auch das Gefühl, dass die eine Hälfte der Arbeitswoche Besprechungen sind, ein weiteres Viertel Abstimmungen außerhalb des Meetingraums und das letzte Viertel dann die Arbeit selbst? Der Sinn hinter dem gemeinsamen Austausch nach dem Prinzip unserer Extro-Arbeitswelt ist klar: Extrovertierte beflügeln sich im gemeinsamen Austausch ständig und treiben sich gegenseitig zu besseren Leistungen an. Trotzdem bringt es herzlich wenig, wenn die leisen Kollegen dann einfach mit im Meeting sitzen und dort ihre wertvolle Energie verlieren, statt sie in die nötige Arbeit zu stecken. Viele Meetings sind ohnehin zu lang oder es sind Mitarbeiter dabei, die zum Sachverhalt gar nichts beitragen können. Das Consulting-Unternehmen tempus erhob in Zusammenarbeit mit der AKAD-Hochschule Leipzig Zahlen, die dies untermauern.  Mehr als ein Drittel aller Unternehmen könnte bei jeder Besprechung rund 16 bis 30 Minuten Zeit einsparen. Jedes achte Unternehmen hätte sogar das Potenzial, bis zu eine Stunde der Besprechungszeit zu kürzen, ohne schlechtere Ergebnisse einzufahren. Ein klares Signal für weniger oder zumindest kürzere und personell schwächer besetzte Meetings anstelle permanenter Massenzusammenkünfte, die den Workflow aller hemmen.

 

Rechtzeitige Tagesordnungsliste für Meetings

Ganz abschaffen sollten wir Meetings sicher nicht, denn der Austausch über Ideen und neue Arbeitswege ist sehr sinnvoll. Was wir aber verändern können, sind die Bedingungen, unter denen solche Meetings stattfinden. Denn wohin geht der Trend? Zu mehr und mehr spontanen Zusammenkünften, Ideen, die im Anfangsstadium in die Runde geworfen werden und schnell benötigten Impulsen. Wiederum alles Faktoren, mit denen introvertierte Menschen unter ihrem Potenzial bleiben. Ein guter Kompromiss wäre es hier, rechtzeitig eine Auflistung der Tagesordnungspunkte herumzuschicken und die groben Ziele des Meetings festzuhalten. So können sich leise Menschen besser vorbereiten und sich vorab eigene Gedanken machen. Extrovertierte, die aber besser im gemeinsamen Austausch auf Ideen kommen, können dies weiterhin tun. Am Ende schöpft man mit einfachen Mitteln aus den Vollen, weil jeder seinen eigenen Lösungsweg gehen darf und sein volles Potenzial zeigen kann.

 

Introvertierte Workflows schaffen
Die meisten Intros möchten in Ruhe nachdenken, statt vorschnelle Lösungen präsentieren zu müssen.

 

Zeitfenster statt Mini-Entscheidungsslots

Wenn Entscheidungen getroffen werden sollen, sollten Menschen genug Zeit bekommen, über diese nachzudenken. Spontane Schnellschüsse in Form von Handmeldungen im Meeting sorgen schnell dafür, das sich leise Menschen in die Enge gedrängt fühlen, weil sie vorschnell entscheiden müssen und dabei noch komplett unschlüssig sind. Sie möchten über ihre Entscheidung nachdenken und diese abwägen. Ausreichend große Zeitfenster, zumindest von einigen Stunden, sollten wieder mehr zum Standard werden, wenn nicht nur die lauten, sondern auch die leisen Stimmen gehört werden sollen. Es bringt ja auch nichts, wenn zwar zackig entschieden aber ebenso zügig dann wieder alles umgeworfen wird, weil die Lösung noch völlig unausgegoren war.

 

Rückzugsorte im Büro

Der Trend geht zum Großraumbüro. Während in den 1980er- und 1990er-Jahren vermehrt Einzel- oder Zweierbüros geplant wurden, werfen viele Unternehmen dieses Konzept nun wieder um und richten stattdessen Großraumbüros für 10, 20 oder mehr Mitarbeiter ein. Das Ziel dabei sind kurze Wege und eine gesteigerte Kommunikation – wiederum klare Extro-Punkte. Die Produktivität soll erhöht werden, ganz nebenbei die Kosten für Büroräume sinken. Aber funktioniert das wirklich? Arbeiten wir in Großraumbüros effizienter und besser? Forscher der Hochschule Luzern stellten das Gegenteil fest: Sie befragten mehr als 1.200 Büroarbeiter und bekamen eher wenige Loblieder zur besseren Produktivität als vielmehr Klagen über stärkere Müdigkeit und große Ablenkungen zurück. Australische Wissenschaftler bestätigten dies und sehen im Großraumbüro vor allem eine psychische Belastung. Bessere Kommunikation könne nicht verhüllen, dass viele Menschen sich in solchen Büros wie auf einem Präsentierteller fühlen und es ihnen an Privatsphäre mangelt. Was aber tun? Eine erste Maßnahme wäre es, Rückzugsorte im Büro zu schaffen, an denen konzentriertes und stilles Arbeiten möglich ist. Wer eine ruhige Umgebung braucht, sollte diese aufsuchen können, um seine volle Leistung erbringen und ganz nebenbei nicht unter der für ihn störenden Reizüberflutung im Großraumbüro leiden zu müssen.

Zum Stichwort Reizüberflutung gibt es noch weitere Möglichkeiten: Wenn ein Großraumbüro geschaffen werden soll, kommt es stark auf die Ausstattung des Raumes an. Wie ist die Beleuchtung, gibt es akustische und optische Raumtrenner, die das Großraumbüro zumindest etwas gliedern? All diese Dinge zu prüfen und auf eine sorgfältige und langfristig sinnvolle Planung zu achten, ist sinnvoll.

 

Gleichwertigkeit der Kommunikationsformen

Introvertierte Menschen kommunizieren bevorzugt schriftlich. Wer also als Arbeitnehmer für Mitarbeiter aller Wesensmerkmale ein offenes Ohr haben möchte, sollte beiden Kommunikationsformen gleichwertige Chancen einräumen. Das kann bedeuten, dass ein Gespräch mit dem Vorgesetzten nicht immer unter vier Augen stattfinden muss, sondern zumindest vorbereitende Dinge auch schriftlich vorab geklärt werden können. Eine E-Mail, in der ein introvertierter Mitarbeiter seine Anliegen vorformulieren kann, erleichtert ihm später das persönliche Gespräch. Auch Feedbackbögen oder der Kontakt zum Betriebsrat etc. sollten in jedem Fall auch schriftlich und nicht ausschließlich mündlich möglich sein.

 

Flexiblere Arbeitsmodelle

Messen wie die New Work Experience, die kürzlich in Hamburg stattfand, zeigen eines sehr deutlich: Der klassische Achtstundentag hat ausgedient. Ein Trend , der introvertierten Menschen im Business sehr entgegenkommt. Denn ihre Leistungskurve bleibt selten über acht Stunden konstant oben – sie brauchen Rückszugsmöglichkeiten und Phasen des Alleinseins, um ihre Akkus wieder aufzuladen. Moderne Ansätze ermöglichen dies mehr und mehr. Nicht mehr den ganzen Tag im Büro zu verbringen, sondern sich die Arbeitszeit freier einteilen zu können, beflügelt gerade leise Menschen und macht sie spürbar leistungsfähiger. Mehr Flexibilität kann dabei viele Bereiche betreffen: Flexiblere Arbeitszeitregelungen, die Möglichkeit im Home-Office zu arbeiten, mehr projektbezogene Engagements von unterstützenden Freelancern und so weiter. Flexibilität ist einer der entscheidenden Faktoren, die Arbeitswelt für alle effizienter und angenehmer zu gestalten.

 

Introvertierte Selbstständige

Gerade die große Flexibilität macht die Selbstständigkeit für Introvertierte so attraktiv. Sein eigener Chef sein bedeutet viel Eigenverantwortung, aber auch große persönliche Freiheit. Ich selbst genieße es sehr, mittags eine Stunde eher aufzuhören, wenn ich eine Pause brauche und die Arbeit dann eben später am Tag nachzuholen. Oder in produktiven Phasen mehr zu schaffen und dafür in anderen Zeiten ohne schlechtes Gewissen auf die Bremse zu treten. Es ist kein Vergleich zum Dienst nach Plan und zum klassischen 9-to-5-Job. Vielleicht ist die Selbstständigkeit sogar die beste Arbeitsform für introvertierte Menschen.

 

Welche Intro-Impulse braucht die Arbeitswelt?

Was denkst du? Was braucht unser Arbeitsleben, um das Potenzial von Intros und Extros auszuschöpfen? Was würdest du dir wünschen? Was bremst dich aus und was gibt dir Kraft? Lass uns in den Kommentaren drüber reden.

 

 

Von Großraumbüro bis Meeting: Wie extrovertiert ist unser Arbeitsleben?

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