Stärken introvertierter Menschen

Introvertierte Menschen haben oft das Gefühl, sich verstellen zu müssen, sich laut geben zu sollen, obwohl sie doch eigentlich viel lieber leiser sind. Es wirkt auf sie oft so, als könnten sie maximal trotz ihrer Wesensart erfolgreich sein und nicht wegen ihr. Das halte ich für kompletten Unsinn, denn Introversion ist keine Schwäche, sondern eine enorme Stärke.

  

Mensch, komm doch mal aus dir raus!

In einem meiner Zeugnisse aus meiner Grundschulzeit findet sich der Vermerk: „Melde dich doch mal und komm aus dir raus. Du weißt die Antwort doch immer!“ Diese zwei Sätze verdeutlichen eine Hürde, vor denen leise Menschen immer wieder stehen. Sie sind keineswegs schlechter als ihre extrovertierten Mitmenschen, ihnen fällt es aber schwer, vor anderen zu sprechen oder Gedanken in großer Runde zu äußern. Ist das aber schlimm? Nur dann, wenn wir einen gemeinsamen Konsens schaffen, dass man sich eben lautstark äußern muss. Wenn unsere Maßstäbe nur so weit reichen, dass wir die Qualität einer Antwort von ihrer Lautstärke abhängig machen, wird es für introvertiere Menschen tatsächlich schwer diesen Wettbewerb zu gewinnen. Was aber spricht dagegen, wenn einer gerne sofort mit seiner Antwort rausplatzt und sie in die Runde wirft, ein anderer aber erst einmal darüber nachdenken möchte, um möglichst passende Worte zu wählen? Ist eine dieser Varianten dann besser oder schlechter?

 

Extro-Maßstäbe gelten nicht!

Nach welchen Maßstäben beurteilen wir also Qualität? Ist es mehr oder weniger wert, wenn jemand der Wortführer oder der Zuhörer ist? Wenn sich jemand lieber am Rednerpult oder über schriftliche Kommunikation äußert? Wenn jemand viel oder wenig spricht? Ich habe neulich ein Instagram-Live-Video einer jungen Frau verfolgt. Sie fing damit an zu sagen, dass sie eigentlich sehr introvertiert ist und nicht gerne vor anderen Menschen spricht. Trotzdem wolle sie jetzt mehr aus sich rausgehen, weil man schließlich nur etwas erreichen könne, wenn man sichtbar wird. Ist das wirklich so? Und vor allem: Muss das so sein?

Zweifelsfrei: Wer sich versteckt, der wird nicht wahrgenommen und kann seine Qualität nicht beweisen. Aber müssen wir uns denn alle auf die gleiche Art und Weise zeigen? Wer legt fest, dass jeder ein Live-Video machen muss, um ernst- und wahrgenommen zu werden? Würde es nicht auch genügen, wenn diese Frau einen klugen Instagram-Post verfassen würde? Wenn wir leisen Menschen unsere eigenen Stärken nicht erkennen und immer nur versuchen die Stärken der Extrovertierten zu kopieren, dann werden wir zwangsläufig das Nachsehen haben. Wir dürfen uns nicht an deren Maßstäben messen, sondern sollten erkennen, dass für jeden andere Maßstäbe gelten. Stell dir vor, es gäbe ein Wettschwimmen zwischen einem Fisch und einem Vogel. Natürlich hätte der Vogel hier keine Chance, so sehr er sich auch anstrengt. Er wird niemals ein Fisch werden. Aber er muss es doch auch nicht, schließlich kann er fliegen und hat seine eigenen Vorzüge.

 

Weil du so bist, bist du gut!

Es bringt also wenig sich trotz seiner Wesensart zu behaupten, denn sie ist kein Makel! Wechseln wir doch mal die Perspektive und schauen lieber, was leise Menschen richtig gut können. Introversion ist kein Mangel an etwas, sondern ein enormer Reichtum. Wir müssen nur die Augen öffnen und unsere Stärken wahrnehmen. Derer gibt es nämlich sehr, sehr viele.

 

10 Intro-Stärken

10 Intro-Stärken leiser Menschen

1. Kreativität

Stopp, es geht hier jetzt nicht darum das Klischee zu bedienen, leise Menschen seien in sich versunkene Tagträumer. Denn Kreativität, die zweifelsohne zu den Stärken introvertierter Menschen gehört, ist ein sehr vielschichtiger Vorteil. Der Blick für das Schöne der Welt, das Können sich in Worten, Bildern und Musik auszudrücken – das sind doch enorm bereichernde Merkmale. Und auch im Job ist Kreativität sehr nützlich. Neue Wege zu gehen, innovative Lösungen zu finden und schlichtweg über den Tellerrand hinauszudenken liegt introvertierten Menschen besonders gut. Zahlreiche berühmte Kreative waren introvertiert. Sowohl Immanuel Kant, Vincent van Gogh, Frédéric Chopin und sogar Bill Gates gelten als leise Persönlichkeiten.

 

2. Zufriedenheit

Gibt es heute überhaupt noch jemanden, der mit sich und der Welt zufrieden ist? Wenn, dann wird es höchstwahrscheinlich ein introvertierter Mensch sein, denn diese sind tatsächlich mit weniger zufrieden. Weil sie Reize verstärkt aufnehmen und weniger Stimulation von außen brauchen, sind sie auch schneller und mit deutlich weniger zufriedenzustellen. Außerdem sind introvertierte Menschen nachweislich empfänglicher für das Glückshormon Dopamin, das bei ihnen bereits bei geringen Reizen ausgeschüttet werden kann. Viele leise Menschen sind dadurch zudem weniger materialistisch und machen sich aus Statussymbolen nicht viel.

 

3. Empathie

Leise Menschen können anderen gut zuhören und die Stimmungen anderer Menschen sehr klar aufnehmen. Empathie ist eine der größten Stärken introvertierter Persönlichkeiten und zahlt sich auch im Business aus. Wer ein gutes Gespür für die Wünsche und Bedürfnisse anderer Menschen hat, zeichnet sich als guter Dienstleister aus. Empathische Menschen sind emotional intelligent und setzen sich gerne für eine friedliche Stimmung untereinander ein, hören zu und helfen gerne. Dadurch sind sie gute Gesprächspartner und auch hervorragende Lehrer oder Vermittler.

 

4. Substanz

Was introvertierte Menschen machen, hat Hand und Fuß. Schnelle und unausgegorene Lösungen sind nicht ihr Ding. Weil sie gerne und viel über die Dinge nachdenken, dauert es unter Umständen länger, bis sie mit ihrer Lösung nach draußen gehen. Dafür hat ihr Tun aber bereits eine Art innere Qualitätskontrolle durchlaufen und dadurch enorm viel Substanz. Wenn introvertierte Menschen im Arbeitsleben also eine Aufgabe übernehmen, darf sich das Gegenüber ziemlich sicher sein, dass es ein durchdachtes Ergebnis präsentiert bekommt.

 

5. Konzentration

Eine der großen Stärken introvertierter Menschen ist ihre beharrliche Arbeit an Aufgaben. Sie können sich sehr gut vertiefen und lange an einer Sache dranbleiben, ohne die Lust daran zu verlieren. Hartnäckige und sehr komplexe Problemstellungen sind für leise Menschen also keine Hürde. Auch wenn es manchmal den Anschein macht, ein leiser Mensch würde den Überlegungen nicht folgen, ist das ein Irrtum. Der erwähnte Zeugnisvermerk zeigt es sehr anschaulich: Leise Menschen arbeiten konzentriert und denken mit – sie posaunen es nur nicht sofort in die Welt hinaus.

 

6. Analytisches Denken

Das ausdauernde Nachdenken über Dinge macht introvertierten Menschen zu hervorragenden Problemlösern. Sie filtern Informationen permanent und gehen Aufgaben strukturiert an, reflektieren ihre Gedankengänge und interpretieren fortlaufend. Sie sind es, die auch in schwierigen Situationen den Überblick behalten und durchdachte Lösungen präsentieren.

 

7. Ausdauer

Gut Ding will Weile haben. An dieser Erkenntnis mangelt es heute immer öfter, denn alles muss schnell fertig sein, am besten gestern. Doch manche Dinge brauchen ihre Zeit und einen langen Atem. Für leise Menschen ist solch eine Situation kein Problem, denn sie sind nicht auf den schnellen Erfolg aus. Ausdauerndes Arbeiten an einem gesetzten Ziel ist eine große Intro-Stärke.

 

8. Unabhängigkeit

Viele leise Menschen möchten vor allem eines sein: unabhängig. Weil sie Entscheidungen mit sich selbst ausmachen und nicht so sehr auf die Meinung anderer angewiesen sind, machen sie sich nicht abhängig vom Feedback anderer. Sie wählen unabhängig aus und entscheiden so, wie sie es aus ihrem Inneren heraus für richtig halten. Das macht sie zu guten Dienstleistern und Selbstständigen, weil sie ihren eigenen Weg klar und unabhängig festlegen können und nicht auf äußere Faktoren angewiesen sind.

 

9. Zuverlässigkeit

Wer einen leisen Menschen mit einer Aufgabe betraut, darf sich gewiss sein, dass diese pünktlich und in der gewünschten Qualität erledigt wird. Weil sie die Erwartungen anderer nicht enttäuschen möchten, planen introvertierte genügend Zeitpuffer ein, um eine Aufgabe auch wirklich sicher und gut bewältigen zu können. Einmal getroffene Aussagen werden zuverlässig eingehalten, denn leise Menschen geben keine vorschnellen Versprechen. Wenn sie eine Sache zusagen, dann haben sie innerlich bereits mehrfach überprüft, ob sie diese auch wie gewünscht leisten können.

 

10. Wissen

Die reiche Gedankenwelt leiser Menschen ermöglicht ihnen, ein absoluter Experte auf ihrem Gebiet zu werden. Introvertierte erforschen Dinge gerne bis ins Detail und geben sich nicht mit oberflächlichen Erklärungen zufrieden. Das ermöglicht ihnen zu Spezialisten ihres Fachgebietes zu werden und einen großen Wissensschatz aufzubauen. Unter leisen Menschen finden sich deutlich mehr Spezialisten als Allrounder, weil sie Dingen gerne und ausdauernd auf den Grund gehen. Dass sich dies auch im Arbeitsleben auszahlt, versteht sich von selbst.

 

Mut zum leisen Weg finden

Du hast gerade zehn exemplarische Stärken, die beweisen, dass du als leiser Mensch überhaupt gar keinen Mangel leidest, sondern reich beschenkt bist, gelesen. Trau dich, deine Stärken anzuerkennen und dich nicht an den Maßstäben der extrovertierten Gesellschaft zu messen. Du hast viel zu geben, gerade weil du dies leise und nicht laut tust.

 

Intro-Reichtum statt Extro-Mangel: 10 Stärken leiser Menschen

6 Kommentare zu „Intro-Reichtum statt Extro-Mangel: 10 Stärken leiser Menschen

  • 19. März 2018 um 19:36
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    Hallo aus Karlsruhe,
    yes…! Die leisen Charaktere haben so viel zu geben – zusammenfassend tatsächlich eine große Wertschätzung. Den 4. Punkt finde ich sehr schön: Substanz. Dass du den explizit beschreibst.

    Aus tiefstem Herzen heraus lachen musste ich beim Satz: „Komm‘ doch mal aus dir raus!“
    Was genau fordert man dabei eigentlich ein? Ich plädiere für leben und leben lassen.

    Schöne Grüße
    Dominic

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    • 19. März 2018 um 19:58
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      Hallo Dominic,

      danke für deinen Kommentar. 🙂 Tatsächlich konnte ich mit dieser Aufforderung schon in der Grundschule nichts anfangen. 😉 Aber leben und leben lassen ist immer ein sehr gutes Plädoyer!
      Liebe Grüße

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  • 7. Juni 2018 um 21:46
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    Die Punkte kann ich voll aus eigener Erfahrung bestätigen. Ich hatte sogar eine Zeit lang den Ruf alles zu wissen. Das lag wahrscheinlich daran dass ich auf Fragen nur etwas sage wenn ich mir ziemlich sicher bin und sonst einfach sage „das weiß ich nicht“. Anscheinend blenden die Leute das aus und merken sich nur die Fälle wo ich eine vernünftige Antwort gab.

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    • 7. Juni 2018 um 22:43
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      Hallo Erwin,

      danke dir für dein Feedback, das mich sehr freut. Da scheinst du den Punkt de Substanz wirklich sehr gut zu erfüllen. 🙂 Und es entpuppt sich sogar als Vorteil, weil die anderen nun wissen, dass deine Antworten (wenn sie auch seltener als die der anderen sein mögen) Hand und Fuß haben. Ein tolles Beispiel für die Intro-Stärken! 🙂

      Liebe Grüße
      Sonja

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