Wann bist du gut genug? Beziehungsweise wann ist es dein Lebenslauf? Wie viele Auslandsaufenthalte, Sprachkenntnisse, Zertifikate und Auszeichnungen brauchst du, um wirklich überzeugen zu können? Hast du das Gefühl, es fehlt immer noch etwas? Oh, glaub mir, das kenne ich sehr gut! Und ich befürchte, unsere Leistungsgesellschaft hat das für uns zur Norm erhoben. Aber die gute Nachricht ist: Deine Normen legst immer noch du selbst fest!

 

Wenn ich erst einmal…

Lass mich dir eine Geschichte erzählen. Ich habe Germanistik studiert, als ich scheinfrei war ein Kind bekommen und für zwei Semester pausiert. Es gab also nur noch den Endspurt des Studiums zu bewältigen. Als mein Sohn in der Krippe war, habe ich stundenweise an meiner Magisterarbeit geschrieben und schließlich die letzten mündlichen und schriftlichen Abschlussprüfungen absolviert. Und dann? Dann hatte ich meinen Abschluss in der Tasche, aber einen so verdammt leeren Lebenslauf. Zumindest auf dem Papier, denn leer war mein Leben zu dieser Zeit absolut nicht, sondern ziemlich voll, bunt und aufregend. Wer aber nimmt nun eine studierte Germanistin, die keinerlei Praxiserfahrung hat? Damit ich hier mehr vorweisen kann und auch damit mein Lebenslauf besser aussieht, habe ich nach meinem Abschluss zwei mehrmonatige Praktika absolviert, bevor ich eine Stelle angenommen habe. Später dann traute ich mich nicht, mich ohne spezifische Weiterbildung selbstständig zu machen, obwohl ich alles, was ich für den Start meiner Selbstständigkeit brauchte, im Grunde schon gemacht hatte und kannte. Ich war bereits knapp zwei Jahre nebenberuflich selbstständig, hatte einige Kunden und auch aus meiner Anstellung relevante Berufserfahrung, die ich hier einsetzen konnte. Trotzdem war da dieser Zweifel, dass das zwar alles da, aber nicht beweisbar ist. Ein Schein oder Zertifikat musste her, auf dem schwarz auf weiß stand, dass ich kann, was ich kann. Vielleicht hast du schon einmal ähnliche Situationen erlebt.

 

Wir klammern uns an Denkmuster, wie:

  • Wenn ich erst einmal das Zertifikat habe, habe ich bessere Chancen
  • Wenn ich nicht mindestens vier Praktika vorweisen kann, nimmt mich niemand
  • Wenn ich eine Lücke im Lebenslauf habe, falle ich durchs Raster
  • Wenn ich nicht mindestens alle drei Jahre aufsteige, wird mein Profil unattraktiv

 

Wir machen uns Druck und leben sprichwörtlich mehr für den Lebenslauf als für uns selbst. Jagen nach noch mehr Zetteln, die uns in irgendeiner Art und Weise eine Expertise bescheinigen, die höchstwahrscheinlich gut aussieht. Aber ist das wirklich entscheidend, wie gut der Lebenslauf aussieht?

Leben für den Lebenslauf beenden gut genug sein
Dein Lebenslauf wird nie perfekt sein. Also lebe für dich, nicht für das Papier.

 

Überzeuge mit Authentizität

Klar, wenn du in einen bestimmten Bereich möchtest, profitierst du von einschlägiger Erfahrung. Ich rede nicht davon, dass wir völlig ahnungslos in neue Gebiete vordringen müssen. Wissen und solide Kenntnisse in deinem Bereich sind natürlich wichtig. Aber ich halte es für unsinnig, immer neue Papiere zu sammeln, die außer der Tinte auf dem Blatt nicht viel aussagen. Wenn es eine Weiterbildung gibt, die dich nach vorne bringt und dir hilft in deinen Wunschjob zu kommen, dann mach sie bitte unbedingt! Wenn du aber eigentlich alles kannst und nur ein Dokument brauchst, das dir dieses Können für viel Geld bestätigt, denk noch einmal drüber nach. Welcher Personaler erinnert sich nach zwei Wochen noch an die Details eines lupenreinen Lebenslaufes? Wohl die wenigsten. Welcher aber hat noch die Frau vor Augen, die im Gespräch für Ihr Fachgebiet brannte und deren Leidenschaft man im ganzen Raum spüren konnte? Wohl ein paar mehr. Ist es wirklich besser, wenn wir eine Lücke im Lebenslauf garnieren und sie „Orientierungsphase“ nennen? Hey, manchmal ist es so, dass nicht ein Traumjob nahtlos an den anderen anschließt und manchmal entstehen Lücken. Ist das nicht viel eher das echte Leben als das konstruierte, das jeden ersten bis letzten Tag des Monats penibel dokumentiert?

 

Wenig Gutes statt viel Blabla

Fokussier dich auf den Weg, der dein Weg ist. Du musst nicht alle Randbereiche abdecken und mit einem Zertifikat zementieren. Dein Lebenslauf muss auch nicht fünf Seiten lang sein. Zeige, was du kannst in prägnanten Informationen, nicht in ellenlangen Schwafeleien. Dass die sowieso nicht gelesen werden, belegt eine Studie des Karriereportals TheLadders. Im direkten Vergleich bevorzugten Personaler klar strukturierte und prägnante Bewerbungen und nahmen zu viele Informationen nicht mehr wahr. Es ist also nicht entscheidend, ob du 20 oder 2 Qualifikationen hast, sondern welche du hast. 

 

Hör endlich auf zu laufen

Der Karlsruher Singer-Songwriter Jan Wittmer bringt es gut auf den Punkt:

 

Eines Tages wachst du auf und merkst, du hast ’nen tollen vollen Lebenslauf,
doch dein Leben hast du verpasst.“

 

Auch der restliche Text von Jan Wittmer ist lesens- bzw. hörenswert. Wenn du Lust hast, kannst du das gerne hier tun:

Gut ist gut genug

Tu dir den Gefallen und hör auf, für den Lebenslauf zu leben. Geh los, auch wenn du nur 80 % deiner eigenen Ansprüche erfüllst und versuch dein Glück. Perfekt ist es nie, aber ziemlich gut reicht völlig aus. Fokussier dich auf deinen Weg, der sich für dich richtig anfühlt. Denn wer sagt dir, dass dein Ziel nicht längst weg ist, bis du mit deiner Zertifikats-Sammelei fertig bist?! Setz‘ deine Zeit sinnvoller ein und vergiss die schönen Dinge im Leben bei all der Hetzerei nicht.

Glaub mir, es fühlt sich so viel besser an, nicht immer noch mehr und noch mehr zu brauchen, sondern sich auf das zu fokussieren, was du kannst und genau das auch auszuleben. Eine kleine Inspiration, wie du weg vom Mangeldenken kommst, findest du auch hier im Blog. 

Lebst du für dich oder für deinen Lebenslauf?

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