Alleinsein tut gut

Wenn jemand nicht mitmacht, sich lieber zurückzieht und gerne alleine ist, dann löst das bei anderen Menschen oft vor allem eine Reaktion aus: Unverständnis. Dieses Unverständnis kommt oft gepaart mit Ablehnung oder auch Mitleid daher. Zumindest irgendwie creepy und unnormal erscheint er, der Wunsch nach dem Alleinsein. Warum ist das so? Und muss das echt so bleiben?

 

Du willst alleine sein? Stimmt was nicht?

Möglicherweise meinen es deine Mitmenschen nur gut mit dir, wenn sie auf den Wunsch nach mehr Zeit für dich selbst eher mäßig begeistert reagieren. Vielleicht denken sie, es fehle dir etwas, wenn du deine Ruhe haben willst. Oder sie vermuten eine extreme Schüchternheit, die dich wider Willen davon abhält jetzt freudestrahlend noch auf einen Absacker mitzugehen, obwohl du es ja eigentlich toll fändest. Dass das Problem nicht das Nichttrauen, sondern tatsächlich das Nichtwollen ist, rangiert leider ziemlich abgeschlagen weit unten auf der Liste der Möglichkeiten. Möchte jemand alleine sein, muss quasi etwas dahinter stecken. Es werden Mutmaßungen wie diese aufgestellt:

 

  • Wenn du alleine sein möchtest, liebst du mich nicht!
  • Wenn du ohne Freunde weggehen möchtest, hast du keine Freunde.
  • Wenn du lieber deine Ruhe möchtest, bist du depressiv.
  • Wenn du dir auch mal Zeit ohne die Kinder wünschst, bist du eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater.
  • Wenn du alleine am Rand sitzt, hoffst du, dass ein anderer auf dich zugeht, weil du selbst zu schüchtern bist.

 

Dabei ist der eigentliche Grund so viel simpler. Dass jemand alleine sein möchte, weil es schlichtweg gut tut, taucht hier nirgends auf. Doch genau das ist oft der einzige Hintergedanke, der tatsächlich gehegt wird. Klar, wenn sich jemand wochenlang einschließt und regelrecht vereinsamt , ist sich sorgen und mal freundlich nachhaken sicher angebracht. Aber nur weil jemand auch mal ein paar Minuten oder eine Stunde am Tag für sich sein möchte, müssen keine Alarmglocken dieser Welt schrillen. Nett gemeint, aber wirklich nicht nötig.

 

Der Unterschied zwischen einsam und allein verblasst

Es gibt ein Missverständnis, das all diesen Mutmaßungen einen Nährboden gibt: die fehlende Differenzierung zwischen einsam und alleine. Beides ist von außen betrachtet identisch, von innen aber komplett verschieden. Denn Einsamkeit, das fühlt sich nicht gut an, das liegt wie ein schwerer Stein im Magen und hängt oft auch mit dem Gefühl des Verlorenseins zusammen. Jemand, der sich einsam fühlt, muss nicht zwangsläufig alleine sein, das geht auch mitten unter Menschen. Alleine zu sein aber nicht, denn das meint tatsächlich das physisch komplette Fehlen anderer Menschen um dich herum. Deshalb muss Alleinsein auch nicht automatisch mit Einsamkeit gekoppelt sein. Die reine Tatsache unter Menschen zu sein sagt ja auch noch nichts über den eigenen Gemütszustand aus. Höchste Zeit also mit dieser Vermischung aufzuhören.

 

Alleinsein tut gut

Die Schauspielerin Audrey Hepburn sagte einmal:

„Ich muss oft Zeit allein verbringen. Ich wäre ziemlich glücklich, wenn ich von Samstagabend bis Montagmorgen allein in meiner Wohnung wäre. So tanke ich wieder auf.“

 

Genau das ist der springende Punkt. Sie wünschte es sich, alleine zu sein. Wohl niemand wünscht sich aber einen Zustand, in dem er sich unwohl fühlt. Hepburn tat das Alleinsein gut, weil sie dann auftanken konnte. Für sie bedeutete alleine zu sein keineswegs einsam zu sein, sondern sich auszuruhen und neue Kraft zu tanken – es war damit für sie durchweg positiv besetzt.

 

 einsam vs. allein

 

Vorteile des Alleinseins

Tatsächlich hat es viele Vorteile, wenn du dir Zeit für dich selbst nimmt, sofern du diese eben möchtest. Das Aufladen der eigenen Batterien wie es bei Audrey Hepburn der Fall war, stufen vor allem introvertierte Menschen als enorm wichtig für sich selbst ein. Das hängt mit der Art ihrer Reizverarbeitung zusammen – lies gerne in diesem Artikel nach, wenn du mehr dazu wissen möchtest.  Aber das ist noch längst nicht der einzige Posten auf der Vorteilsseite:

 

Alleinsein ermöglicht dir:

  • Energie zu tanken
  • in Ruhe nachzudenken
  • der Reizüberflutung zu entgehen
  • konzentriert zu arbeiten
  • dich auf eine Sache zu fokussieren
  • schwierige Entscheidungen in Ruhe abzuwägen
  • kreativ zu sein
  • dich zu entspannen
  • Stress abzubauen
  • für dich da zu sein
  • deine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen
  • frei von Ablenkungen zu sein

 

Am Ende kommt es vor allem auf die Freiwilligkeit an. Der Jurist und Schriftsteller Hans Krailsheimer sagte einmal:

„Allein sein zu müssen ist das Schwerste, allein sein zu können das Schönste.“ 


Genau das ist es! Wenn jemand bewusst wählt, alleine sein zu wollen, dann ist das für ihn schön. Wenn jemand unfreiwillig alleine ist, kann er schnell auch einsam werden und diesen Zustand als belastend empfinden.

 

Mehr Zeit für dich selbst finden

Das Bedürfnis zu erkennen und andere, die dies als unnormal, unhöflich oder krankhaft einstufen, aufzuklären, ist der erste Schritt. Dem Bedürfnis aber auch nachzukommen ist gar nicht so einfach. Denn wie findest du regelmäßige Auszeiten für dich, wenn du zum Beispiel kleine Kinder hast oder beruflich stark eingespannt und immer unter Menschen bist? Von selbst kommt das Alleinsein hier nicht und du läufst sprichwörtlich am Limit, weil du immer mehr Energie verbrauchst, aber nicht mehr auflädst. Hier kann es dir helfen, dir bewusst einige Momente zu nehmen. Zum Beispiel so:

  • Bitte deine/n Partner_in darum, heute einmal mit den Kindern etwas zu unternehmen, damit du für dich sein kannst.
  • Gehe raus in die Natur und mache alleine einen Spaziergang.
  • Mache dir regelmäßige Termine für exklusive Ich-Zeit und verbringe diese ganz mit dir allein.
  • Fang an zu meditieren und schaffe dir hierfür freie Zeitinseln.
  • Verbringe deine Mittagspause bewusst nicht im Büro, sondern drehe eine Runde um den Block.
  • Steh früher auf und genieße die erste halbe Stunde des Tages ganz für dich allein.
  • Geh joggen oder mach einen anderen Sport, bei dem du Zeit für dich selbst hast.
  • Erledige alltägliche Dinge bewusst alleine, zum Beispiel zum Bäcker gehen.
  • Buch die Nachmittagsbetreuung der Kinder mal eine Stunde länger, um Zeit für dich zu finden.
  • Fahre auch ruhigen Gewissens einmal alleine in den Urlaub oder übers Wochenende weg.

 

Gönn dir exklusive Zeit für dich, wenn du das möchtest und brauchst und lass dir kein schlechtes Gewissen machen, weil du gerne alleine bist. Das ist absolut okay und steht dir zu!

 

 

Weg mit dem Einzelgänger-Stigma: Alleinsein tut gut

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